Wir müssen die Kreativität vor den Kreativitätstechniken retten!

Ich habe mich gefragt:

Warum bringen Innovationsprozesse und Kreativitätstechniken (vom Brainstorming über 6-Hüte nach deBono bis zum derzeit gehypten Design Thinking) oft nur magere, blutleere Ergebnisse, bei denen man sich fragt

»na und« 

und relativ selten WIRKLICH NEUES in die Welt?

Haben Sie bei sich selbst schon beobachtet, dass das Finden einer Lösung zu einer Quälerei wurde insbesondere wenn es wegen eines Präsentationstermins, eines Pitches, einer kritischen Situation etc. auf Schnelligkeit ankam?

Oder wie vertrackt es ist, wenn eine Entscheidung zwischen der Möglichkeit A und der Alternative B endlos hin und her schwankt, bis jemand auf die Idee kommt, es kann ja auch die Lösung C geben?

Bei anderen Gelegenheiten sprudelt eine gute Idee nach der anderen, so dass sogar eine Auswahl für die beste Idee möglich ist.

Ideen kommen nicht auf Knopfdruck. 

Kreativitätsmethoden oder teamorientierte Prozesse  wie z. B. das Design Thinking sollen helfen.

Aber tun sie das wirklich?

Die üblichen Herangehensweisen haben nach meinen Beobachtungen einen entscheidenden Mangel:

Sie stützen sich fast nur auf ein horizontales Vorgehen.

Brainstorming, die Walt-Disney-Technik, die 6 Hüte-Methode oder das derzeit gehypte Design Thinking – immer wird eine lineare Struktur verfolgt.

2019 Der klassische Ansatz Screenshot.png

Beim strikt phasenweisen Vorgehen – insbesondere unter Zeitdruck – kann die senkrechte, die Qualitätsdimension sehr rasch verloren gehen. Kreativität kann in gewissen Phasen des Prozesses durch zeitlich Limits gefördert werden, benötigt in anderen Phasen aber auch Ruhe und Gelassenheit. Mal ist Fokussierung angesagt, mal der Weitwinkelblick. Auch individuell kann Druck sich positiv aber eben auch höchst irritierend bis blockierend auswirken.  

In seiner von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichneten Masterarbeit (Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus) hat Tim Seitz die Gefahren der Priorisierung der Zeitfenster (»time boxes«) über die Inhalte am Beispiel des Design Thinking höchst detailliert herausgearbeitet.

Die horizontalen Techniken setzen erklärtermaßen auf Quantität in der Hoffnung, dass sich innerhalb der Masse eine Qualität findet.

Doch: Hoffnung ist keine Strategie.

Es mag hilfreich sein, auf eine große Menge an Einfällen zu setzen.  Aber zeitnah müssen auch wirklich gute, originelle und brauchbare Ideen produziert werden. 

Sehen wir uns an, warum das manchmal gelingt, meistens aber nicht:

Kreativitätsmethoden werden oft missverstanden! 

Richtig eingesetzt sind etliche der über 300 Kreativitätsmethoden großartig, wobei sich der tatsächliche praktische Einsatz auf weniger als ein Dutzend reduziert. Etliche Methoden sind auch allenfalls Varianten anderer, oder erfordern einen für den realen Einsatz zu großen Aufwand. Werden sie allerdings nicht fachgerecht eingesetzt oder moderiert oder als der einzige Weg zu Innovationen und kreativen Lösungen gesehen, führt das zu enttäuschenden Ergebnissen.

Allzu häufig wird inzwischen die Kreativität der Beteiligten durch Fehler beim Einsatz der Methoden sogar blockiert. 

Der kreative Prozess wird immer noch erforscht. Vieles bleibt vorläufig ein Rätsel. Inzwischen hat die Forschung zumindest aber eine Menge Erkenntnisse darüber gewonnen, was die Ideen-produktion fördert und was sie behindert oder verhindert. 

Nach meinen Beobachtungen wird dieses Wissen nur selten beachtet. 

Auffallend ist z. B., dass (laut »manager magazin«) nur ca. ein Drittel der unternehmensrelevanten Ideen im betrieblichen Umfeld, ein minimaler Prozentsatz mit Hilfe von Kreativitätstechniken, zwei Drittel aber in der Freizeit zustande kommen. (Was nicht an den Techniken liegt, sondern an de Art und Weise ihrer Verwendung.)

Besonders problematisch wird es, wenn man sich allein auf einen einzigen methodischen Prozess stützt. Die Versuchung liegt nah, sich dem Aktionismus der horizontalen Prozessabläufe hinzugeben.  So werden die emotionalen Turbulenzen vermieden, die wirklich schöpferische Menschen auszuhalten haben.

Meine zwei Vorschläge, die diesen Mängeln abhelfen sollen: 

1. Es ist ein tiefergehendes Verständnis des kreativen Prozesses erforderlich, damit die Methoden fachgerecht eingesetzt werden und in Teamprozessen nicht durch Zeitdruck in den falschen Momenten Blockaden der individuellen Kreativität hervorgerufen werden. 

2. Die horizontalen Phasen sind durch die »Vertikale Dimension« der Qualität zu ergänzen. 

 

Die notwendige und sinnvolle vertikale Ergänzung:

 

Screenshot def Tiefendimension D.png

Zur Mobilisierung dieser Tiefendimension arbeiten wir im »Emergence Innovationsprocess (EIP)« mit

14 Mentalen Modellen:

Mentale Modelle D.png

Gerade in FB entdeckt, ein Post von Dr. Ronald Cicurel, selbst Mathematiker, mit einem Zitat, das die Vertikale Dimension treffend beschreibt:

 

Der Mathematiker Michael Atiyah:    »Etwas Verrücktes in der Mathematik ist das Aufblitzen einer Idee im Kopf. Das passiert gewöhnlich im Schlaf, denn da gibt es die geringsten Begrenzungen. Die Idee kommt angeschwebt, der Himmel weiß woher. Sie schwebt herum, du erblickst sie und bewunderst ihre Farben.«

Der Mathematiker Michael Atiyah:

»Etwas Verrücktes in der Mathematik ist das Aufblitzen einer Idee im Kopf. Das passiert gewöhnlich im Schlaf, denn da gibt es die geringsten Begrenzungen. Die Idee kommt angeschwebt, der Himmel weiß woher. Sie schwebt herum, du erblickst sie und bewunderst ihre Farben.«

Dr Gerhard Huhn